03.09.11 Eine anstrengende Woche...

Ich glaube, eine der Sachen, mit denen ich am wenigsten umgehen kann, ist Langeweile. Wirklich. Den ganzen Tag auf dem Feld arbeiten, 24 Stunden am Stück unterwegs sein, 100 Sachen gleichzeitig organisieren, Chinesischunterricht von morgens bis abends - das kann ich alles gut überleben und bin abends auch noch müde und glücklich. Aber Langeweile!  NEIN!!!

Erstaunlicherweise finde ich es anstrengender nichts zu tun, als den ganzen Tag beschaeftigt zu sein...

Also, was ist in der letzten Woche passiert?

 

Am letzten Sonntag endete offiziell unser Vorbereitungskurs und damit offiziell auch Isabellas Verantwortung fuer uns beide. Weil die Schule aber erst am ersten September losging, also am Donnerstag, waren da drei Tage "Zwischenzeit": ausschlafen, Koffer neu packen, Sachen fuers Schulleben einkaufen (wie Kleiderbuegel, Eimer, Handwaschmittel, Bettwaesche, Essensschuesseln fuer die Kantine, Staebchen, Loeffel, Schreibhefte...), Chinesischvokabeln wiederholen (zumindest theoretisch..), relaxen... Ausserdem sollten wir "die Stadt erkunden", also herausfinden, wo man guenstig Kleidung, Obst und Alltagsartikel bekommt, wo es auslaendische Buecher gibt, und in welchen kleinen Strassenshops man guenstig und lecker essen kann. Jane und Amy, kamen immer mal wieder mit, um uns zu helfen und mit uns Spass zu haben :), aber die meiste Zeit mussten sie arbeiten ; Meetings mit Isabella, Chinesisch-Phrasebook fuer die Greenway-Website, Lesson-Planning...

 

Es war eine voellig andere Athmosphare als in der letzten Woche, weil am Samstag Abend Annie, Cheryl und Janice und fast alle Volunteers abgereist sind, und wir sechs oder sieben verbleibenden "Restleute" und die neuen Volunteers, die im Laufe der Tage eintrudelten, sie einfach nicht ersetzen konnten..

Wir hatten keine Chinesischstunden mehr. Und in der Stadt waren wir auch weniger.. Ein bisschen Geld sparen, jetzt wo wir unser Essen selbst bezahlen muessen.. :) In der Stadt geht das einfach nicht! :)) Irgendwo hat Jane schon Recht, wenn sie mal wieder von den "temptations of the town" redet...  Ein Fruchtshake hier, ein Freundschaftsarmband da, Zuckerzeugs, Obst, BBQ, Wasser, Buskosten, T-Shirts, Schmuck, Faecher, Andenken, Postkarten, Geschenke... Ich schaffe es da absolut nicht, mein Geld zusammenzuhalten, auch wenn ich normalerweise gar nicht soo verschwenderisch bin...

Wir waren jedenfalls viel zu Hause.. Und da ging es dann schon los mit der Langeweile.. 

Die Schueler waren alle noch nicht da, die Dormitories waren leer, und Johanna und ich verbrachten den Grossteil des Tages mit schlafen, Mails schreiben und chinesisch-Podcasts hoeren.

 

Und dann: Donnerstag. Schule! Wir sollten erst nachmittags in unsere Klasse kommen, weil vormittags die Klassen geputzt und aufgeraeumt wurden, und noch kein richtiger Unterricht stattfand. Ich war ein bisschen nervoes: Endlich all die Leute in meiner Klasse kennenlernen, Chinesisch sprechen, die Klassen und die Schule von innen sehen... :O Darum war ich um neun schon wach, mit allem fertig und absolut kribbelig, weil es nichts mehr zu tun gab..

Um kurz vor elf kam dann auf einmal Isabella und meinte, in zehn Minuten ginge es los. In zehn Minuten!!?! Ich war wie gesagt sowieso nur noch am Warten, aber Johanna war noch gar nicht aufgestanden und voellig verschlafen, und nach zehn Minuten Schnell-Anziehen, Haare-Durchwuscheln und Kurz-Schminken immer noch nicht richtig wach und entsprechend verschlafen gelaunt.

Als wir in den Schulraeumen ankamen, kam noch dazu, dass wir doch in zwei verschiedene Klassen kommen sollten. Lily (die nette Englischlehrerin, die unsere Ansprechperson ist, und die wir auch erst ein paar Minuten vorher kennengelernt hatten) liess sich aber ueberzeugen, dass wir fuer den Anfang erst mal zusammenbleiben wollten. Wir kamen also beide in die 1.Klasse des gao yi (also senior 1) Jahrgangs.

 

Nach einer Kurz-Ankuendigung von Lily wurden wir von unserer Klasse mit lautem Applaus begruesst. Dann sollten wir uns auf Chinesisch vorstellen! Ich war aufgeregt, aber es klappte sehr gut, weil alle 60 Schueler der Klasse so neugierig und nett aussahen, dass ich einfach losredete, auch wenn es sicher ziemlich falsch war. Dann wurden wir vorne zwischen jede Menge chinesische Maedchen gesetzt und einfach alleine gelassen. Die Schueler hatten an diesem ersten Schultag naemlich noch gar keinen richtigen Unterricht, sondern nur "Self-Study-Time", in der sie sich auf die naechste Woche vorbereiten sollten. Das war aber um so besser fuer uns, weil sie so die Chance hatten sich ein bisschen mit uns zu unterhalten..

Wir wurden von allen Seiten angelaechelt und mit Fragen ueberhaeuft. Zum glueck hatten die meisten Maedels ziemlich schnell raus, dass sie langsam und deutlich sprechen mussten, wenn ich sie verstehen sollte. Dann klappte es aber erstaunlich gut mit der Kommunikation :)

Spaeter kam dann eine Lehrerin und hielt erst mal einen 20-minuetigen Vortrag darueber, wie man die Lehrer zu begruessen hat, dass man als Maedchen die Haare zusammenbinden und als Junge Ohren und Augenbrauen freilassen musste, wie die Fingernaegel geschnitten werden sollten, dass man keine Slipper und weiten Ausschnitte tragen sollte und die Schultern bedecken, und ueberhaupt, wie man sich in der Schule respektvoll und angemessen verhaelt..

Danach blieb die Lehrerin im Raum und die Schueler konnten nicht mehr mit uns reden, sondern mussten lernen und Johanna und ich waren ein bisschen ratlos, was wir tun sollten.. Der Unterricht nahm einfach kein Ende.

 

Zum Abendessen wurden wir von ein paar Maedchen in die Kantine mitgenommen, wo wir zwischen etwa 300 chinesischen Jungs und Maedchen fur umgerechnet 18 Cent Reis und gekochten Lotus assen. Danach war eine dreiviertelstunde Pause, in der die Schueler alle in die dormitories zum Duschen gingen und Johanna und ich nach all dem Chinesisch im englischen Greenway ausruhten. :)

 

Und dann ging es weiter. Die Schulzeiten sind hier echt unglaublich! Die Schueler lernen, mit kurzen Pausen von 7:30 bis 10 Uhr abends und das sechs Tage die Woche. Sogar sonntag abends gibt es noch Selfstudytime!

 

Weil wir wirklich voellig fertg waren, schwaenzten Johanna und ich am Freitagmorgen die Selfstudytime und kamen erst um 8 zum Unterricht.

Die erste Stunde war Chinesisch. Obwohl ich mich echt bemuehte, verstand ich wirklich nicht viel, aber soweit ich es mitbekommen habe, ging es in dieser Stunde, genau wie im darauffolgenden Englisch-, Chemie-, Mathe- und Erdkundeunterricht vor allem darum, wie wichtig es waere, jetzt in der Highschool doppelt so fleissig zu lernen wie in der Middleschool, und alle Zeit zu nutzen um sich auf die wichtige Pruefung am Ende der Highschool vorzubereiten, von der die weitere Berufslaufbahn und irgendwie wo gut wie das gesamte weitere Leben abhaengt...

Unsere Klasse ist anscheinend zusammengesetzt aus den besten Schuelern des Jahrgangs und auch dass wurde immer wieder erwaehnt, und die Tatsache, dass sie gegen die Schueler der anderen Highschool in Yangshuo immer noch sehr schlechte Leitungen brachten und und und...

Zwischendurch gab es Augengymnastik und kurze Pausen und es wurden immer wieder Arbeitszettel ausgeteilt, von denen ich meistens nicht mal die Ueberschrift lesen konnte... Nach einiger Zeit gab ich es auf, den Unterricht verstehen zu wollen, und versuchte stattdessen ein paar Chinesischvokabeln zu wiederholen..

Und abends war ich wieder voellig fertig, und so muede, dass ich sogar mit dem Englischsprechen Probleme hatte.

 

Eigentlich wollten wir am Freitag in die Dormitories umziehen. Abends nach dem Essen trugen wir auch unsere Koffer rueber und wurden mit grossem Hallo begruesst, aber letztendlich schliefen wir dann doch im Greenway-Gebaeude - in einem Bett mit Amy und Jane. Die chinesischen Schueler haben naemlich auch am Samstag Unterricht, den wir erst mal nicht mitmachen mussten. Weil waehrend des Unterrichts aber die dormitories abgeschlossen werden, haetten wir morgens um 6 mit ihnen aufstehen muessen und dafuer waren wir irgendwie zu muede..

 

Darum ziehen wir heute erst richtig um. In zehn Minuten ist die Sonntagabend-Selfstudyphase zu Ende und wir gehen rueber.. Ich bin irgendwie ein bisschen angstlich, oder nervoes, oder was weiss ich was... Wir fallen einfach so unglaublcih auf und sind so unglaublich andere Sachen gewoehnt...

Das Wochenende haben wir noch mal so richtig westlich verbracht, wir (Alex, Amy, Jane,Valentine, Maja, Sam, Chris, Bjoern, Johanna und ich) waren in der Stadt, tanzen und Tischkicker spielen auf der Mojorooftopbar, dann im Stone Roses und morgens um halb fuenf bei Mc Donalds Pommes essen (ja den gibt es auch in China. So teuer und eklig wie immer...)

Also ein richtig westliches Wochenende bevor das richtige Chinaabenteuer losgeht..

Aber jetzt..

 

 Die dormitories sind aus unserer Sicht echt unglaublich schlicht, das Schlafzimmer ist eben einfach ein Raum, in den sieben schmale Hochbetten gestellt wurden, und ein paar Faecher fuer die Schulsachen und das Gepaeck. davor ist ein kleiner Balkon mit einem Waschbecken und drei Duschen-/Toilettencontainern, die eigentlich nur eine Kabine mit Loch im Boden sind. Zum Duschen muss man sich dann einen Eimeram Waschbecken fuellen (das nur kaltes Wasser hat) und ihn mit in die Kabine nehmen..

Erstaunlicherweise kann man in diesen Raeumen glaube ich ziemlich gluecklich leben, zumindest wirkt die Stimmung, wenn wir abends von der Dachterasse durch die Fenster ruebergucken, immer ziemlich zu-Hause-artig und ausgelassen, aber ich kann mir einfach noch nicht vorstellen wie alles wird..

Wie Jane schon sagt "Congrulations! Now you get to know the real China!"

Ist das eine Chance? Oder ein Albtraum? Oder was?