18.07.12 Der Flug, die Ankunft und das Leben drei Monate später

 

Heute ist der 18. Juli 2012. Heute vor einem Jahr saß ich genauso hier in meinem Zimmer, genauer gesagt vor einem Koffer und der schwierigen Entscheidung: Was soll ich mitnehmen nach China?? Was um Himmels willen werde ich brauchen, was ist unverzichtbar und was eigentlich völlig unnötig? Ich hatte ehrlich gesagt ziemliche Probleme mit all den kleinen Entscheidungen: Fön ja oder nein, was als Gastgeschenk, Schulbücher? usw usw. aber ich glaube das eigentliche Problem war, dass ich schon ein bisschen nervös war, überhaupt mit meinem großen Abenteuer anzufangen. Ich hatte im Grunde trotz Vorbereitungsseminar, Erzählungen von Kim und Google Maps noch keine Ahnung was mich erwartete.

 

Heute kann ich mir das überhaupt nicht mehr vorstellen. China und all die Erlebnisse und Erinnerungen die damit verbunden sind, gehören einfach ganz selbstverständlich zu meinem Leben und es erscheint mir ziemlich absurd, dass es mal eine Zeit gab, in der ich noch nie außerhalb Europas war, Johanna, Cheryl, Xu Yuhong, Janice, Wei Jieqin, Mo Hongyan, Xiao Zhou, Jane, Julia, Lily, Isabella, meine ganze Gastfamilie, die Mädels von der Uni, Zhou Luying, Tang Muyao - okay ich geb's auf alle aufzuzählen, eben einfach ALLE - noch nicht gekannt habe, einer chinesischen Unterhaltung nicht folgen konnte und in einem chinesischen Roman höchstens auf jeder dritten Seite ein Wort erkannt hätte. Absolut absurd!! :)

 

Soviel erstmal dazu - der eigentliche Anlass, wieso ich mich heute (fast 5 Monate nach meiner Rückkehr!) noch mal melde, ist, dass ich jetzt endlich von meiner Reise und meiner Ankunft zu Hause erzählen will, ein bisschen darüber schreiben, wie mein Leben hier jetzt so weitergeht und den Blog dann in gewisser Weise auch abschließen.

 

Also... nochmal zurück zu diesem Tag vor fast fünf Monaten, als ich in China ins Flugzeug zurück gestiegen bin..

Nachdem ich meinen letzten China-Blog-Eintrag geschrieben habe (den ich, weil der Jimdo-Server mal wieder nicht zu erreichen war, aber bloß an meine eigene Email-Adresse geschickt und daraufhin - typischerweise :$ - einfach vergessen habe, jetzt stelle ich ihn aber gleich rein, versprochen!!), also nachdem ich jedenfalls diesen Blogeintrag geschrieben hatte, blieb nicht mehr viel Zeit bis zu meiner Abreise. Ich bekam zum letzten Mal ein kleines chinesisches Essen von meiner Gastmutter, ging noch einmal durchs ganze Haus, und dann musste ich mich verabschieden.

Es wurde eine richtige Runde durch die ganze "Familienstraße" (das ist der Vorteil, wenn alle zusammen wohnen) und ich war unglaublich froh, dass es zu solchen Anlässen auch in China üblich ist, sich statt lange zu reden einfach in den Arm zu nehmen. Ich merkte echt bei jedem einzelnen, dass ich sie ziemlich liebgewonnen hatte. Meine "Gugu", die "ältere Tante", die sich immer um mich gekümmert, mir zu jeder Tages- und Nachtzeit Nudeln gekocht und mich fassungslos gefragt hatte, wie es möglich ist, dass ein Kind in meinem Alter noch nicht mit dem Wok umgehen kann, die mir von ihrer Kindheit, ihrer Hochzeitsnacht erzählt hatte, und von den Gründen, wieso sie nicht schreiben konnte, und mit der ich immer wieder lange Gespräche führte, wenn es in "unserer" Wohnung gerade zu einsam war,  umarmte mich als letzte. Und sie hatte doch tatsächlich Tränen in den Augen.

 

Dann kam die Fahrt aus Yangshuo heraus zum Flughafen (die erste und einzige Gelegenheit, bei der ich mich in China im Auto angeschnallt habe). Meine Gasteltern fuhren mich beide hin. Die Fahrt war  erstaunlich kurz und ziemlich still.

Am Flughafen, einem verglasten, modernen Gebäude, mit internationalen Schildern überall, mussten wir noch das Einchecken, Schalter finden und die Gepäckaufgabe regeln (ich musste noch mehrere schwere Schulbücher aus meinem Koffer nehmen und zu meinem - ohnehin schon fast viermal zu schweren- Handgepäck packen) und warteten noch eine halbe Stunde, bis ich durch die Sicherheitsschleuse musste.

Mir fiel schon da auf, wieviel sicherer und natürlicher ich mich auf diesem Flughafen jetzt fühlte: was mir bei meiner Ankunft unglaublich unübersichtlich, chaotisch, fremd und unverständlich vorgekommen war, schien mir jetzt ziemlich international und absolut gut überschaubar.

Als ich dann nach einer letzten Umarmung durch die Schleuse ging, mit meinem ganzen Handgepäck, den Tragetaschen voller Geschenken, meiner warmen Winterjacke, die nicht mehr in den Koffer gepasst hatte und ein paar Mandarinen, die mir meine Gastmutter in letzter Sekunde noch mitgeben wollte, fühlte ich mich irgendwie seltsam. Ich drehte mich immer wieder um, sah sie dort stehen und hatte keine Ahnung wann ich sie wiedersehen würde.. Das war schon ein komisches Gefühl.

 

Und dann kam natürlich der Flug selbst. Es war alles wie immer, diesmal auch ohne größere Vorfälle - wenn man mal davon absieht, dass der Flieger aus Shanghai wegen einem Fluglotsenstreik in Frankfurt erst mit mehreren Stunden Verspätung abheben sollte. Im Flugzeug dorthin hing ich erstmal meinen Gedanken nach. ich hatte ziemlich viel im Kopf. :)  Fragen: Das war's jetzt? Was war der Austausch, also was habe ich alles erlebt, gesehen, gelernt, aber was war er auch NICHT? Habe ich irgendwas Wichtiges versäumt? Ist es normal, dass man sich so fühlt wie ich jetzt, wenn man gerade sieben Monate auf Schüleraustausch im Ausland verbracht hat?

Dazu das Lesen im Buch von meiner Klasse, dem, in das sie mir jeder etwas reingeschrieben hatten... das war sooo toll von ihnen, machte mich in dem Moment aber auch sooo traurig; ich musste echt ein bisschen weinen. Wie kann es sein, dass ich jetzt einfach gehe irgendwie?

 

Mit den praktischen Dingen hatte ich ziemlich Glück: Mein enorm übergewichtiges Handgepäck wurde überall kommentarlos durchgewunken (trotz dicker Schilder überall, dass es einem sofort und ohne Ausnahmen abgenommen werden würde), nachts in Shanghai fand ich ziemlich zügig meinen Anschlussflug (und musste dann wegen der Verspätung ja sowieso noch länger warten) und auf dem Flug nach Deutschland saß ich neben einer ziemlich netten Deutschen und lernte schnell auch noch ihre Freunde kennen, die in Thailand und Indonesien surfen gewesen waren.

Es erleichterte mich, auf dem Flug auch ein bisschen Kontakt zu haben und mich mit jemandem (sogar auf Deutsch :) ) unterhalten zu können und die zwölf Stunden verliefen ziemlich entspannt. Es war interessant, ihre Eindrucke, Erlebnisse und Geschichten zu hören, vor allem im Kontrast zu meinen eigenen, die natürlich völlig anders waren. Wir hatten absolut verschiedene Seiten von Asien kennengelernt. Sie fanden meine Erzählungen aber absolut faszienierend und waren beeindruckt, dass ich tatsächlich Chinesisch gelernt hatte.

Außerdem hatte ich das Glück, dass es in diesem Flugzeug Filme gab. Nachts, als ich in der unbequemen Haltung nicht schlafen konnte, schaute ich mir also die neusten Liebeskomödien auf Chinesisch an..

 

Morgens früh (nach Ortszeit) kamen wir in Frankfurt an. Mein Zeitempfinden war mittlerweile völlig durcheinander, aber das machte nichts. Nach irgendwie ewigem Herumgetüdele bei der Einreisekontrolle (wir mussten irgendwie einmal vollständig aus und wieder einchecken), was sich ziemlich seltsam anfühlte, weil zum ersten Mal seit Monaten wieder wirklich ALLE um mich herum Deutsch sprachen, saßen wir dann endlich im Flugzeug nach Hamburg. Und das Erste was ich außer dem Flughafen von Deutschland sah, war: ein wunderschöner Sonnenaufgang über den grauen Regenwolken.

 

Bei der Ankunft in Hamburg (nach Ortszeit immer noch am frühen Morgen) befiel mich eine total kribbelige Aufregung. Ich trödelte beim Aussteigen und Gepäck abholen extra herum, redete mit meiner Sitznachbarin über völlig nebensächliche Dinge und ging sogar noch zu den Toiletten, um mir die Haare zu bürsten. Da betrachtete ich mich dann im Spiegel und versuchte irgendwie richtig zu realisieren, was jetzt los war: Ich war in Hamburg! Am Flughafen! Und draußen wartete schon meine Familie! Gleich, gleich, GLEICH würde ich sie alle wieder sehen!

Ich hatte zwar irgendwie den Reflex, diesen Moment noch herauszuzögern, aber dann riss ich mich zusammen und ging auf die große Drehtür zu.

Das Gefühl bevor ich aus dem Ankunftsterminal trat, war eine riesige, aufgeregte Vorfreude, aber nichts im Vergleich zu dem Gefühl als ich sie dann tatsächlich sah. Es waren wirklich alle da! Mama, Papa, Thordi und Jonah (der - ich weiß ich höre mich wie irgendeine verzückte Großtante an, aber es war wirklich so! - unglaublich groß geworden war.).  Dazu auch noch Hannah, Jojo und Mariella!! Meine wunderbaren Freundinnen.

Es war superschön: lachen, umarmen - einfach nur wunderbar, sie wiederzusehen und auch seltsam, so tatsächlich wieder voreinander zu stehen, sich umarmen zu KÖNNEN!

 

Dann kam die Autofahrt nach Hause, auf der ich redete und redete, so ein komisches Gefühl, und (jaja) einfach glücklich war, mit meiner Familie im Auto zu sitzen.. Wir fuhren noch beim Bäcker vorbei, um ein paar Brötchen zu holen und zu Hause gab es dann das perfekte Frühstück, mit Luftballons, Milchkaffee und einer wunderbaren Torte von Mariella & Co, die beeindruckend professionell gebacken und ausnehmend süß dekoriert war :)

Ich rief  wie versprochen bei meiner Gastfamilie an, um zu sagen, dass ich gut angekommen war und redete noch ein paar Minuten mit meiner Gastmutter - bevor es dann richtig losging mit Frühstücken! :) Wir hatten sogar Jinju direkt aus China! :) :)

Während des Essens gab es von meiner Seite kaum noch Gerede, ich hatte einfach nur das Bedürfnis, alle ständig anzulächeln und in die Augen zu schauen.

Das zog sich noch den ganzen Tag durch: Als ich später all die Geschenke/ Mitbringsel aus China auf dem Tisch ausgebreitet hatte, und wir einfach ein bisschen in der Diele herumstanden, musste ich immer noch alle ständig an den Händen fassen..

Danach fuhren H, J & M auch schon los - sie hatten zwar den Hauptunterricht freibekommen, wollten aber den Test in Englisch nicht verpassen - und ich war allein mit meiner Familie.

Der Rest des Tages bestand einfach nur noch aus Zusammensitzen, Erzählen, Ankommen.... Es war echt ein schöner erster Tag.

 

 

Am nächsten Morgen ging ich dann wieder in die Schule.

Meine ganze deutsche Klasse weiterzusehen, war auch noch mal echt schön. Ehrlich gesagt schien mir eigentlich alles genau wie vor dem halben Jahr - nur ein wenig entspannter, weniger "Clique-ist-unser-Leben" als früher (und ja, das ist mir schon am ersten Tag aufgefallen).

 

Und das war's eigentlich auch schon.

Danach ging alles sehr schnell - nach nur einer Woche hatte ich bereits das Gefühl schon ewig wieder hier zu sein, "alles ist wie immer", HILFE!!!

Natürlich waren da einige Umstellungen: auf essen mit Besteck, weiche Betten, Hausaufgaben & weniger Selbstständigkeit, Heizungen (!)... aber im Prinzip fühlte es sich so an, als wäre ich vielleicht nie weggewesen, hätte die ganze Chinazeit nur geträumt... Es war schon heftig und auch ein bisschen schockierend für mich, wie enorm schnell der Alltag einfach wiederkam.

In der Schule hatte ich keine größeren Probleme: die Bio-Epoche hatte gerade erst angefangen, interessierte mich - war also perfekt zum Einsteigen und in die anderen Fächer rutschte ich auch einfach so wieder rein...

Und ansonsten... Egal wo ich hinkam, sollte ich jetzt erzählen, Chinesisch sprechen ("Sag einfach mal irgendwas!") und wurde gefragt, ob es mir gefallen hätte ("Wie war's? Wie war's??"). Aber auf wirklich lange Geschichten hatten die wenigsten Lust und ich wollte natürlich auch niemanden langweilen.. Manchmal hatte/habe ich wirklich "Heimweh" nach China und fühlte/fühle mich ein bisschen einsam, weil - letztendlich kann natürlich niemand genau verstehen, wie es mir dann gerade geht.

 

Nach der Ankunft verstrich die Zeit enorm schnell: Ferien, Großelternbesuch (also freudiges Wiedersehen, Fotos zeigen, erzählen..), Nachbereitungsseminar (was nett war, um neue Leute zu treffen und sich auszutauschen, aber keine anhaltenden Veränderungen brachte), Wiederanfangen mit Geigenunterricht, Schule, Schule, Sozialpraktikum....

Ab und zu schrieb ich ein paar Mails nach Yangshuo und Guilin, hatte QQ & Facebook-kontakt mit meiner "chinesischen Welt" oder skypte mit Johanna (der "chinesischen") - aber das alles war und ist natürlich überhaupt kein Ersatz dafür, die Leute tatsächlich zu sehen. Es machte/macht mich echt traurig, wie enorm weit weg von China ich mich hier fühle!

Mit meinen Gasteltern telefonierte ich nach dem ersten Tag kein einziges Mal mehr, ich schrieb ihnen einige Karten, hatte aber sonst kaum Kontakt. Natürlich finde ich das traurig, hatte es aber genauso schon vorausgesehen, weil von den Verwandten dort kaum einer mit dem Computer umgehen kann und die ganze Familie kein Freund langer Telefongespräche ist - das Telefon wird fast nur zum Organisieren genutzt. Außerdem war unsere Beziehung anders, als das vielleicht bei europäischen oder überhaupt "westlichen" Gastfamilien der Fall ist; sie basierte weniger darauf, dass ich immer zu ihnen ging, mit den Worten, "ich muss unbedingt mit euch reden" und Ihnen dann alle meine Gefühle darlegte oder so, sondern bestand vor allem aus den Gefühlen und Gesprächen, die aus bestimmten Situationen entstanden, wenn ich z.B. runterkam, um meiner Gastmutter beim Kochen zuzusehen, oder mit meiner Gastschwester eisfressende Katzen zeichnete oder einfach nur mit allen ums Feuer saß oder so... Manchmal bestand die ganze Kommunikation auch nur aus dem Austausch allen eh schon lange bekannter Informationen und ein paar Gesten und Blicken, während man sich kurz anlächelte.

Es ist so schwer, so etwas über 8000 km hinweg zu bewahren.

 

Zumindest um mein Chinesisch wollte ich mich aber ein bisschen kümmern (ich vergesse nämlich unglaublich schnell, vor allem die Zeichen :)!) und fing darum bald einen neuen Kurs am Konfuziusinstitut in Hamburg an. Das war auch wirklich eine gute Idee. Ich sah HuYi wieder, lernte weitere supernette Sinologie-Studenten kennen, und habe so wenigstens jeden Samstag die Gelegenheit, mein Chinesisch ein bisschen aufzufrischen und mein Gedächtnis ein bisschen in Schwung zu halten :)

 

 

Als dann (vor mittlerweile wieder gut sechs Wochen) plötzlich die "3-Monats-Marke" auftauchte, war ich schon ziemlich geschockt: Oh Gott, das kann nicht sein, ich bin seit drei Monaten wieder hier, drei Monaten, was ist passiert in diesen drei Monaten, in dieser Zeit hätte ich die Grundlage einer neuen Sprache lernen, mich in einer völlig neuen Umgebung zurechtfinden können, aber was ist hier  passiert, hier ist sozusagen nichts passiert, nichts, passiert hier überhaupt irgendwas, was mache ich denn die ganze Zeit? - aber eigentlich ist diese Frage genau die richtige: was ist hier??

Eigentlich geht das Abenteuer ja hier genauso weiter. Das Leben (Achtung, philosophischer Satz!) besteht ja eigentlich nur aus lauter kleineren und größeren Abenteuern!

Es ist nur nicht immer leicht für mich, zu akzeptieren, dass das Normale hier eben das Normale ist, eigentlich auch wunderbar und voller Erfahrungen, nur anderen...

 

"China" ist so etwas Wunderbares - die Erfahrungen sind ein Teil von mir, niemand kann mir das wegnehmen. Andere Austausche kann ich immer noch machen, aber dieser gehört schon zu mir.

Mit allen Hochs und Tiefs und jeder Menge bewussten und unbewussten Erinnerungen und es ist so ganz an sich einfach wunderbar, dass ich diese Chance hatte!!

 

Falls ich also trotzdem das Gefühl habe, es vor "Heimweh" nicht auszuhalten, muss ich eben dringend mal ein paar Pakete verschicken - für meine Familie, meine wunderbare Klasse, für all die Leute dort, die ich vermisse und eigentlich in echt sehen möchte. Und irgendwann kann ich das auch.

Spätestens - allerspätestens- nach dem Abi komm ich zurück!