Mach ja nicht das Licht aus! - chinesische Hochzeit in Guigang

Winterferien- das heißt für die meisten chinesischen Schüler entweder Nachhilfe- und Extra-Schul-Kurse oder endlich mal richtig entpannen: stundenlang Essen, Ausschlafen, Fernsehn gucken und nichts tun, also all die Sachen, für die während der Schulzeit schlichtweg keine Zeit bleibt.

Mich, die ja hier in China sowieso meistens mehr Freizeit hat als sie braucht, macht dieses Programm auf die Dauer absolut verrückt – und da die Ferien für Johanna und mich fast sechs Wochen dauern, war ich umso erleichterter, in der ersten Woche schon was richtig Schönes vorzuhaben: eine chinesische Hochzeit in Guigang zu feiern!

 

Guigang ist eine nicht weiter bemerkenswerte Großstadt etwa 600 km südlich von Yangshuo - und die Heimat von Wei Jieqin. Jieqin ist eine total nette und eigene Chinesin, die an der Uni in Guilin studiert und die ich über meinen Gastbruder kennengelernt habe. Am Anfang schrieben wir nur Mails und Sms und ich dachte, diese Bekanntschaft würde sich wie so andere, die ich hier in China gemacht habe, bald wieder verlaufen. Aber nichts da! Eines ganz normalen Donnerstagmorgens im Matheunterricht bekam ich auf einmal eine Sms: „Ich hab mir freigenommen und komm dich besuchen!“

Das war eine ziemliche Überraschung für mich, aber eine schöne!

 

Danach hatten wir mehr miteinander zu tun, und im Endeffekt lud sie mich ein, in den Winterferien mit ihr in ihre Heimat zu fahren, um ihren Geburtstag und die Hochzeit ihres Bruders mitzufeiern.

Dank der unglaublich günstigen Bahn- und Busticket-Preise in China (sowas müssten wir mal in Deutschland haben!) war die Reisefinanzierung kein Problem und nachdem alles mit meinen Eltern und der Austauschorganisation geklärt war, fuhr ich am 11. Januar dann wirklich nach Guilin um sie zu treffen.

 

Die Busfahrt dauerte gute fünf Stunden. Ich war mal wieder die einzige Ausländerin im Bus, aber das machte überhaupt nichts, wir hatten uns viel zu erzählen, und zwischendurch schlief Wei Jieqin und ich „las“ Zeitung (und freute mich, wie viel ich verstehen konnte; auf meiner ersten Fernbusfahrt gleich nach der Ankunft sahen die angebotenen Zeitungen immerhin noch wie Sammlungen unentzifferbarer Geheimschrift für mich aus!).

 

Jieqins Familie hat mehrere Häuser, eines am Rand der Stadt, das eigentlich eher eine Art Lagerschuppen ist (oder auf mich wirkte es so, ich konnte dort wunderbar schlafen, aber es ist genau diese Art von Haus, bei der ich immer noch nicht verstehen kann, wie die Leute dort langfristig wohnen können: feuchter, grober Betonboden, Modergeruch in allen Ecken und die Schlafzimmer einzig und allein daran erkennbar, dass hinter all dem Gerümpel und den Vorräten, die überall gelagert sind, eine Art Bettgestell mit knallbunten Wolldecken und Bambusmatte liegt.).

Den ersten Abend verbrachten wir dort, mit verschiedenen Cousins und Cousinen, die Jieqin seit dem Sommer nicht mehr gesehen hatten (aber auf seltsame Art – genau wie ihr Vater – nicht zeigten, ob sie das Wiedersehen bewegteoder sie sich vermisst hatten oder so) und einer typisch chinesischen Geburtstagstorte – es war nämlich Jieqins 20. Geburtstag. Abends hatten wir eine winzige Geburtstagsfeier im ansonsten dunklen Haus, nur wir beide, aber es war trotzdem schön. :)

 

Am nächsten Morgen fuhren wir dann zum eigentlichen Haus der Familie, das in einem winzigen Dorf außerhalb Guigangs liegt. Das war dann tatsächlich „the Chinese countryside“, von der hier alle so gern reden.Den Rest der Woche verbrachten wir dort, und die Erfahrungen, die ich dort machte, waren noch mal ganz anders als in Yangshuo. Schon der erste Eindruck war völlig anders.

Wegen der Hochzeit, die am darauffolgenden Tag stattfinden sollte, war die gesamte weitläufige Familie zum Vorbereiten versammelt. Und das waren wirklich viele. Beispielsweise hatte sie állein acht Cousinen, die etwa in ihrem Alter waren, und allesamt total nett und neugierig, mich kennenzulernen. Das Ungewohnte war nur, dass viele der Erwachsenen, vor allem der älteren Generation, kein Mandarin sprachen, sondern nur den örtlichen Dialekt, von dem ich wirklich nichts verstehen kann! Ich denke ja hier in Yangshuo schon immer, wie viel einfacher alles wäre, wenn es diese Yangshuo-Hua nicht gäbe, aber jetzt im Kontrast zu der Zhuang- oder Bai-Hua, die dort gesprochen wurde, wurde mir erst klar, wieviel ich doch vom Yangshuodialekt verstehe. Der ähnelt immerhin noch stark dem Hochchinesischen und ich bekomme meistens zumindest das grobe Thema der Unterhaltung mit – wohingegen ich in Guigang wirklich gar nichts verstand. Zum Beispiel Jieqins Oma, eine total süße, energiegeladene kleine Frau, mit wenigen Zähnen und weißem Haar, redete die ganze Zeit echt lieb auf mich ein, auch nach mehreren Tagen, als ich ihr natürlich kein einziges Mal antworten konnte, weil ich keine Ahnung hatte, worum es ging.

 

Viele ihrer Verwandten, die seit ihrer Geburt im Dorf lebten, hatten noch nie einen Ausländer gesehen, sondern kannten so etwas nur aus dem Fernsehen, was für mich auch total seltsam war. Dieses ständige Angeschautwerden, vor allem von so vielen Menschen. Auch die ganzen Lebensgewohnheiten waren für mich völlig ungewohnt, zum Beispiel das es keine Toilette gab, sondern einen Eimer in einer Nische neben dem Innenhof und dass zum Duschen Wasser in großen Kesseln über dem Holzofen erhitzt wurde, aber trotzdem jede Familie einen Fernseher hatte. Die Zimmer hatten einen blanken Steinfußboden und waren kaum möbiliert, fast leer, aber sehr schön angelegt. Das Haus war ganz neu, zusammen mit drei anderen mitten ins Nirgendwo gesetzt, von außen ein schlichter Klotz, aber innen eigentlich schön aufgebaut. Alle Zimmer waren um eine Art halbüberdachten Beton-Innenhof gruppiert (der in der Mitte eine flache Vertiefung hatte, in die sämtliche Spül- und Kochabwässer gegossen wurden, und außerdem den Hausaltar beherbergte) und allesamt sehr hoch und hell. Da hier ja sowieso nie geheizt wird und Bauplatz dort draußen im Dorf im Überfluss vorhanden ist, wurden wirklich alle Zimmer so großzügig angelegt.

 

Auch das Essen war noch mal ganz anders als in Yangshuo. Vielleicht auch wegen der Hochzeit gab es wirklich fast ausschließlich Fleisch, und das auch anders zubereitet. Insgesamt wurden für die Feier vier Schweine und sicher dreißig Hühner geschlachtet, deren Fleisch dann fertig gekocht in großen, erstaunlich dreckigen Eimern aufbewahrt wurde. Ich als, wie nennt man das, verwöhnte Stadt-Euröpaerin (?), fand es auch sehr gewöhnungsbedürftig, das überall ganze Beine, abgehackt, aber noch mit Klauen, Borsten und Haut, und frisch ausgenommene Gedärme und Innereien herumlagen. Was ich auch gar nicht kannte, war Zhou, ein gelblich-weißer, neutral schmeckender Flüssigbrei, der aus Mais oder Reis hergestellt wird, und warm und mit Soasauce und verschiedenen Gewürzen versehen aber erstaunlich gut schmeckt.

 

Die Hochzeit selbst fand an einem grauen Regentag statt (was die Auffahrt zum Haus in ein Matschmeer verwandelte, die Stimmung der Gäste aber nicht im Geringsten beeinflusste) und bestand hauptsächlich aus einem großen Essen und einer kleinen Zeremonie vor dem Familienaltar. Zwischendurch gab es immer wieder Feuerwerk (also passenderweise Unmengen an Chinaböllern) und am Hauseingang war eine kleine Musinkantengruppe aus älteren Männern gruppiert, die mit Trommeln, Schellen und einer Art Hörnern unentwegt jaulende, monotone Musik machten. Im Laufe des Tages kam das gesamte Dorf vorbei. Es gab aber keine wirklich allgemeine Zeremonie, bei der alle dabei gewesen wären.

Mittlerweile war ich bei insgesamt vier chinesischen Hochzeiten (liegt daran, dass man auch von entferntesten Verwandten oder Freunden immer noch eingeladen wird), aber dieser allgemeinen Höhepunkt, der bei euröpaischen Hochzeiten vielleicht in der Kirche ist, wenn alle zusammen singen, auf das Ja-Wort warten oder das Brautpaar sich küssen darf, oder später beim Essen, wenn Reden gehalten werden, fehlte irgendwie immer. Diesen Moment, wenn alle sich auf das gleiche konzentrieren und die gesammelte Aufmerksamkeit auf das Brautpaar gerichtet ist, vermisse ich jedes Mal stark. Ich glaube, ich mag westliche Hochzeiten doch etwas lieber.

 

Die schöne, schüchterne Braut war erst 18 (das mit dem Alter ist auch noch so eine Sache, denn Heiraten ist in China erst mit 20 (bzw. Jungs 22) legal, was aber vor allem in den dörflichen Gegenden schlichtweg ignoriert wird; man heiratet, zieht zusammen und hat Kinder und regelt die Formalitäten eben erst im entsprechenden Alter) und während der ganzen Hochzeit sehr verlegen. Sie wirkte kaum älter als ich, angestrengt und lächelte kein einziges Mal, bis ich mit meinem Fotoapparat nach vorne gedrängelt wurde und ein Hochzeitsfoto von ihr machen sollte. Die ganze Hochzeit wirkte mehr von den Eltern organisiert.

Ich fand es deshalb sehr schön, sie am nächsten Tag, ohne Schminke und Kleid und viel entspannter mit ihrem neuen „Ehemann“ herumalbern zu sehen, und – als wir alle drei auf seinem Motorrad über die matschigen, schlaglochdurchzogenen Dorfstraßen zu ihr nach Hause fuhren -. mitzukriegen, dass die beiden anscheinend wirklich ziemlich verliebt waren.

 

Eine der seltsamsten Sachen an der ganzen Hochzeit waren die Lijie, die Regeln, die eingehalten werden mussten, um dem jungen Brautpaar kein Unglück zu bringen. Beispielsweise durften unverheiratete Frauen, die älter als die Braut waren (also z B Wei Jieqin), sie vor Ende der Zeremonie nicht berühren oder auch nur sehen.

Was mich aber viel mehr störte, war, dass Jieqin mich abends, als ich zum Umziehen die Zimmertür schließen wollte, verlegen aufklärte, dass die nächsten drei Tage keine Türen geschlossen werden durften und – das fand ich dann vorm Schlafengehen heraus- auch in allen Zimmern durchgängig Licht brennen musste. Für mich war das die anstrengendste Regel, weil ich im Hellen meistens nur unruhig schlafe, und immer wieder aufgeweckt wurde, wenn mitten in der Nacht irgendwelche Gäste laut redend an unserem Zimmer vorbeiliefen. Zusätzlich war auch noch drei Tage lang verboten, den Boden zu fegen – und das war schlimmer als es sich anhört, da die Hochzeitsgäste unentwegt auf chinesische Art Sonnenblumen- und Kürbiskerne aufknackten und außerdem Bonbons und Erdnüsse aßen, so dass die Schalen und Papiere den Boden im gesamten Haus bedeckten. Zu den chinesischen Angewohnheiten gehört nämlich auch, Müll einfach selbstverständlich am geradigen Standpunkt auf den Boden zu werfen, in der Stadt genauso wie zu Hause. Nur das normalerweise danach gefegt werden kann... :)

 

Die trotz allem insgesamt wunderschöne Guigang-Woche endete mit meinem ersten Stau in China. Bis dahin hatte ich es ja immer für ein Gerücht gehalten, dass zum Frühlingsfest wirklich alle Welt nach Hause fährt, aber jetzt konnte ich selber die Auswirkungen erleben. Am Morgen des letzten Tages waren wir mit dem acht blendend gelaunten Cousinen Wei Jieqins in die Stadt gefahren und hatten einen weiteren, mittlerweile studierenden Cousin in seiner Wohnung besucht. Mittags wollten mich dann alle zum Bus bringen. Nur dass unser Bus zum Fernbusbahnhof dann plötzlich stehenblieb, weil der Verkehr sich ganz einfach nicht mehr vorwärtsbewegte, das Motortaxi, das sich mit mir, dem Cousin und meinem Gepäck noch ein paar Minuten lang halsbrecherisch durch die stehenden Autos schlängeln konnte, irgendwann auch steckenblieb, und wir, als es nur noch knapp 500 Meter bis zum Bahnhof waren auch zu Fuß kein Stück mehr weiterkamen, weil schlichtweg die ganze Straße VOLL mit Menschen war. Das war dann ein ziemlicher Stress, weil ich die Tickets ja schon bezahlt hatte und so kurz vorm Frühlingsfest es auch sehr schwierig gewesen wäre, neue zu bekommen. Aber als wir völlig außer Atem dann doch irgendwann ankamen, stellte sich heraus, dass der Bus noch gar nicht da war. Er hatte eine volle Stunde Verspätung, so dass es, als ich abends in Guilin ankam, schon kurz vor halb elf war.

Zum Glück hatte ich aber (wie könnte es auch anders sein :)- )im Bus eine sehr nette chinesische Schülerin kennengelernt, die mich dann noch zu einem nächtlichen Nudelessen in Guilin einlud, mich unbedingt noch ihrem großen Bruder vorstellen wollte und mir dann half, den kleineren Bahnhof zu finden, von dem aus es auch nachts noch Busse nach Yangshuo gab. Dieser Bus wartete dann auch noch Mal gute anderthalb Stunden, bevor er um kurz nach 12 dann endlich losfuhr, aber er war immerhin geheizt. Während der Fahrt redete mich ein leicht angetrunkener junger Chinese in einer Tour zu, aber irgendwie hatte ich keine Lust, ihn wegzuschicken und weigerte mich nur, meine Handynummer herauszurücken und als ich um etwa halb zwei in Yangshuo ankam, konnte ich mich passenderweise gleich mit Johanna treffen, die noch in der Bar gewesen war, aber jetzt auch keine Lust mehr hatte.

Das Beste an der ganzen Sache war, dass ich mit meinen Gasteltern von vornerein vereinbart hatte, im Greenwaygästehaus zu schlafen, weil wir am nächsten Tag wegen unserer Visa nach Guilin fahren sollten (das lief dann auch wieder ein bisschen anders, aber das gehört jetzt nicht zum Thema).

 

Nach all diesen Hochzeitsabenteuern war es dann auch lange nicht mehr so schlimm wieder in die Ferien- und Nichts-Tu-Atmosphäre in der Gastfamilie zurückzukommen. Und außerdem ging es ja schon sehr schnell auf die nächste Veranstaltung zu: das Frühlingsfest!