Frühlingsfest

Der 23. Januar 2012. Dieser Tag, der für euch in Europa wahrscheinlich ein Sonnabend wie jeder andere war, wurde hier in China sehnsüchtig erwartet: Das Frühlingsfest! Die Vorbereitungen dafür begannen schon Wochen vorher: Über Nacht war ganz Yangshuo auf einmal voll von kleinen roten Lampions, die von sämtlichen Bäumen der Stadt baumelten (und zwar wirklich allen, es müssen insgesamt 10 000ende gewesen sein!), an jeder Ecke gab es Feuerwerk, Scherenschnitte und schwarzrote Glückskalligrafien kaufen, und meine Gastschwester redete von nichts anderem mehr. Außerdem versammelte sich regelmäßig die gesamte Familie (samt sämtlicher Onkels, Cousins und Tanten) um besondere traditionelle Kuchen und Reispasteten zu backen, die am Neujahrsabend verspeist werden sollten. Trotz fehlendem Adventskranz und Türchenkalender war die Atmosphäre fast genauso erwartungsvoll wie vor Weihnachten!

 

 In der Nacht vom 23. auf den 24. Januar begann dann nach dem alten chinesischen Kalender endlich das neue Jahr – das Jahr des Drachen!
Und ehrlich gesagt: Der Abend selbst war dann viel weniger eindrucksvoll, als ich es mir vorgestellt hatte! Neben Opfertischen vor jeder Haustür, aufgeregten Cousins und Cousinchen überall, Knallfröschen und Feuerwerk über dem Fluss (was zugegebenermaßen wirklich wieder unglaublich schön war!) war es einfach nur ein schöner Abend mit der Familie – und essen, essen, essen. :)


“春节吃不饱的话,那就一年都吃不饱(Wer sich zum Frühlingsfest nicht satt essen kann, der wird das ganze Jahr nicht satt)!“ diese Erklärung meines Großonkels (Tan Muyaos Großvater) gibt glaube ich ziemlich gut die Einstellung der allermeisten Chinesen wieder. Von Beginn der Dämmerung um etwa sechs Uhr abends bis zum großen Feuerwerk um Mitternacht wurde eigentlich ununterbrochen gegessen... Das Essen war wie immer unglaublich lecker, neben jede Menge Fleisch auch Fisch, Krabben, Tintenfisch und die verschiedensten Getränke, Süßspeisen und Gemüse – leider war ich nur nach dem „ersten“ Abendessen schon so voll, dass ich später trotz der erwartungsvollen Blicke meiner Gastfamilie kaum noch was herunterkriegen konnte.

Im Laufe des Abends wurden dann vor dem Hausaltar immer wieder Räucherstäbchen und Papiergeld verbrannt (soweit ich das verstanden habe, war das alles für die Ahnen gedacht) und außerdem ein ganzes Hühnchen, süßer Reis und kleine Becherchen Reiswein geopfert, die später die Nacht über mit brennenden Räucherstäbchen vor der Haustür standen. Die Kinder rannten überall herum und brannten unter lautem Geschreie Knallfrösche und Wunderkerzen ab und die Erwachsenen saßen wie immer ums Feuer (Ich sage nur fehlende Heizung) und redeten. Leider aber Yangshuo-Dialekt, so dass ich wieder mal kaum was verstand. Das verstehe ich wirklich nicht, wieso sie, obwohl ich für chinesische Verhältnisse schon mehrmals ziemlich direkt gesagt habe, wie gern ich mich an den Gesprächen beteiligen würde, und ob sie nicht ab und zu mir zu Liebe Mandarin sprechen könnten (immerhin ist das für sie ja überhaupt kein Aufwand), immer noch durchweg Yangshuohua sprechen. Selbst wenn sie sich mit mir unterhalten, sobald sie keine direkte Frage stellen, sondern mein Gesagtes nur irgendwie kommentieren, verwenden sie sofort den Dialekt. Darum liebe ich es ja so, mich mit „Einzelnen“ zu unterhalten! :)

Später wurden dann noch unglaublich laute Chinaböller abgebrannt (ja, die haben ihren Namen zu Recht! Die gesamte Straße bebte, wenn alle fünf Minuten wieder eine dieser langen Böllerketten angezündet wurde!) und gemeinsam Fernsehen geguckt. Neujahrsprogramm. Aber FERNSEHEN! Die Vorstellung, das am Weihnachtsabend zu machen! 


Trotzdem war es ein ganz schöner Abend, weil es, wie mir dann auffiel, doch sehr selten vorkommt, dass meine ganze Familie (beide Eltern und Huang Jiqun & Huang Yuqin) einfach nur zusammensitzt und redet. Oder eben Fernsehn guckt. Normalerweise verbringe ich viele Abende drüben, im Haus meiner Tante (der Großmutter voon Tan Muyao), weil dort meine beiden kleinsten Cousinchen herumwuseln (okay, die ganz kleine schläft nur auf irgendjemandes Arm oder wird gebadet) und außerdem ihre Eltern (die auch noch sehr jung sind, und die ich echt sehr gern mag) und die Großeltern. Da ist also immer was los, und auch immer jemand zum Reden. In meiner Gastfamilie geht meistens jeder seinen eigenen Sachen nach, so dass ich am Frühlingsfestsabend dann einfach diese Familien-Athmospäre genossen habe. Das hatte dann doch was von Weihnachten! :)

 Nach dem Feuerwerk um Mitternacht ging es dann auch schon bald ins Bett. Ja und das war dann der Abend. :)


Am nächsten Morgen nahm meine Gastfamilie mich mit, um zum zweiten Mal den Moon Hill zu besteigen – auch eine von den seltenen Gesamt-Familien-Unternehmungen und außerdem sehr schön, weil ich so endlich mal die Chance bekam, ein paar Fotos von allen zu machen. Normalerweise kommt es mir immer komisch vor, auf einmal meinen Fotoapparat herauszuholen, aber an diesem Morgen war es meine Gatsmutter, die immer wieder meinte, jetzt mach doch noch mal ein Bild, und noch mal eins von uns allen zusammen und hier ist die Landschaft doch so schön! :)


In den nächsten Tagen ging es zu allen möglichen Verwandten, die uns alle „新年好(ein gutes neues Jahr)!“ wünschten. Außerdem wurden auch unzählige Hongbaos ausgetauscht, kleine rotgoldene Briefchen, mit Geld für die Kinder und jede Menge Obst und Neujahrssüßigkeiten verteilt. Ich bekam auch so einige Hongbaos ab. Das fand ich jedes Mal total süß – auch wenn es meistens nur wenige Yuan waren. Ich gehöre also auch schon zur Verwandschaft! :)


Offiziel endete das Frühlingsfest dann mit dem 元宵节,dem chinesischen Laternenfestival, bei dem unzählige Tang Yuan (kleine, mit süßer Nusspaste gefüllte Teigklöschen) gegessen, und überall weitere Laternen aufgehängt wurden. In der Western Street verteilten einige Restaurants kostenlose Tang Yuan (an 30 000 Besucher laut dem Zeitungsbericht am nächsten Morgen) und meine Gastfamilie machte einen Spaziergang zum Park, der voller Menschen, Musik und den schönsten und buntesten Laternen war, und außerdem von zwei gut 20 Meter langen Drachenlaternen bewacht wurde. Allerschönster chinesischer Kitsch!


Ja - obwohl mir, ich kleine Europäerin, Weihnachten insgesamt doch besser gefällt (Tannenbaum, zusammen singen, Geschenke auspacken, einfach spannender als Geldbriefchen), bin ich total froh, dass ich die Chance hatte, das alles mitzuerleben! Es wäre einfach zu schade gewesen, so kurz davor nach Hause zu fliegen!