zu 24.12.2011 Weihnachten auf Chinesisch

Dieses Weihnachten (was jetzt zugegebenermaßen schon wieder eine ganze Weile her ist :) ) war ein Weihnachten der ersten Male: Das erste Weihnachten ohne Familie (zumindest ohne meine deutsche Familie), das erste Weihnachten im Ausland (und dann a uch noch gleich in China!), das erste Weihnachten ohne Tannenbaum, das erste Weihnachten an dem ich mehr Englisch und Chinesisch als Deutsch gesprochen habe, das erste Weihnachten mit Countdown vor zwölf, das erste Weihnachten mit Menschen, die ich erst wenige Monate kenne, aber die mir schon so vertraut sind und das erste Weihnachten, an dem ich mit meinen Gedanken an vielen Orten gleichzeitig war. Es war ein sehr anderes und ungewöhnliches Weihnachten, aber auch eines der schönsten die ich je erlebt habe!

 

Alles begann schon Wochen vorher damit, dass meine Gastschwester auf einmal anfing, mich in jeder freien Minute auszufragen, wie Weihnachten denn bei uns wäre, was wir essen würden, was für Geschenke wir bekämen, ob wir die ganze Nacht aufbleiben dürften und ob auch wirklich der Weihnachtsmann kommen würde.. Sie fand das alles ganz unglaublich interessant, weil hier in China Weihnachten wirklich so gut wie gar nicht gefeiert wird. Meine Gasteltern wollten auch alles mögliche erfahren und beschlossen dann, dieses Jahr mir zu Ehren auch ein kleines Weihnachtsfest zu machen, mit einem großen Fischessen am ersten Weihnachtstag (Ich hatte erzählt, dass wir früher an Weihnachten oft besondere Fische gegessen hätten, die meine Großeltern extra zubereitet hätten, was mein angelbegeisteter Gastvater für eine wunderbare Idee hielt..).

 

Ansonsten war aber von Weihnachtsathmosphäre wirklich nicht viel zu merken. Einige Bars in der West Street begannen Weihnachtslieder zu spielen (aber natürlich irgendwelche Rockversionen und außerdem in Clublautstärke, was die Stimmung ein wenig veränderte) und Weihnachtgirlanden in die Eingänge zu hängen und vor dem KFC beim Postamt wurde ein glitzernder Weihnachtsbaum aufgestellt, vor dem sich chinesische Touristen begeistert fotografieren ließen (wegen dem "westlichen Flair") - aber ansonsten war alles wie immer. Kein Plätzchengedufte und keine Weihnachtsmärkte, keine Kinder, die ihre Mütter aufgeregt über den Weihnachtsmann ausgefragt hätten und natürlich auch nicht die Spur von Schnee. Nicht mal Rauhreif.

Immerhin bekam ich in der letzen Woche vor Weihnachten ein großes Paket von zu Hause, mit  Geschenken für meine Gastfamilie! Und meine Familie hatte doch tatsächlich noch ein paar Minipakete für mich dazugepackt, zum Auspacken an Heiligabend...

Ich selber war auch ein bisschen am Weihnachtsgeschenke shoppen, basteln und zusammenstellen - für meine "Westlerfamilie" hiher in Yangshuo. Wir hatten vereinbart, das jeder ein etwa 30 Yuan wertes "Crap-Geschenk" aussuchte, mit denen wir dann eine große Tauschrunde veranstalten wollten, und außerdem hatte ich noch einige Extraverabredungen mit den Leuten , die ich schon länger und besser kenne, für eine private Geschenkrunde einige Tage später..

 

Ja, und dann war auch schon Weihnachten. Am Samstagmorgen kam meine Gastmutter total süß in mein Zimmer und brachte mir "als Weihnachtsgeschenk" einen selbstgestrickten, meterlangen Schal und Blau-lilane Wollhausschuhe.

Dann hatte ich ein sehr nettes Frühstück mit meiner (gesamten) Gastfamilie, die sich alle im sonnenbeschienenen Hinterhof versammelt hatten, um am Nachmittag besondere Essenssachen für das Frühlingsfest im Januar vorzubereiten. Die Atmosphäre war so nett, dass ich mich gar nicht trennen konnte, aber gegen drei Uhr nachmittags packte ich dann doch meine Sachen zusammen und fuhr zur Schule rüber.

Dort waren alle schon am letzte Geschenke einpacken, zu Hause Mails schreiben und sich fürs Ausgehen fertig zu machen, weil wir uns um halb sechs alle zusammen in einem westlichen Restaurant in der West Street treffen wollten.

 

Das war auch total nett. Mittlerweile war es bereits dunkel, das Restaurant war dank Klimaanlage wunderbar warm und uns zu Liebe legte die chinesische Kellnerin sogar englische Weihnachtslieder auf.. Ich bestellte eine köstliche Piilzsuppe und schlürfte sie (die Preise für westliches Essen sind hier echt unglaublich, oder vielleicht bin ich es auch bloß nicht mehr gewöhnt, für eine Mahlzeit mehr als 70 Cent auszugeben :)) sehr genießerisch, während alle aßen und über Weihnachten redeten. Später schrieb ich auch noch ein paar Weihnachtssms, nur an die wunderbaren Leute, Europäer und Chinesen, die ich seit Sommer hier kennengelernt habe, und bekam über zehn teilweise unglaublich süße Nachrichten zurück. Das war echt eins meiner schönsten Weihnachtsgeschenke.

 

Nach dem Essen ging es dann in die StoneRoseBar wo einige von uns (xD) sozusagen jede Nacht verbringen. Als das erste Mal dieser Plan aufkam, an Weinahcten "ganz normal" auszugehen, fand ich den Gedanken sehr komisch und auch nicht gerade schön, aber im Endeffekt war es dann doch gar nicht so schlecht. Wir haben uns (natürlich) nicht betrunken, aber dafür fast die ganze Nacht getanzt und herumgealbert und die Zeitverschiebung war auch echt perfekt, denn als ich um vier Uhr nachts mit etwa zwanzig Freunden aus China, Italien, Amerika, Schweden usw in ein chinesisches Restaurant umzog, konnte ich mir vorstellen, dass meine Familie und Freunde zu Hause auch gerade jetzt Bescherung haben, und vielleicht gerade Plätzchen essen, oder den Weihnachtsbaum anzünden (also die Kerzen natürlich...).

 

Sonntag"morgen", also um etwa zwei Uhr nachmittags, wachte ich dann im Greenwaydormitory auf, packte draußen, in überraschenerweise strahlendem Sonnenschein die Päckchen meiner Familie aus, und frühstückte dann zusammen mit Sabine (der Grenway-妈妈) und ihrer Freundin Caludia einige Mandarinen und den Inhalt meines Päckchens: eine Tafel Nougatschokolade.

Um vier gab es dann WEihnachtsskypen mit meiner deutschen Familie. Das war auch absolut wunderbar, alle fünf Mal so auf einem Haufen zu sehen...:)

 

Als ich gegen sechs dann zurück zu meiner Gastfamilie fuhr, fand ich ein ziemlich überraschendes Bild: der ganze HInterhof war voll mit diesen niedrigen runden Tischen, an denen hier alle essen, und daran saßen etwa 50 Leute und redeten, rauchten und aßen. Das war das Weihnachtsessen, was meine Gastfamilie extra für mich organisiert hatte! Mir war nur nicht klar gewesen, dass sie gleich sämtliche Freunde und Verwandte dazu einladen würden! 

Ich kam leider relativ spät, so dass sich alles schon langsam dem Ende zuneigte, aber ich wurde trotzdem begeistert begrüßt und bekam gleich jede Menge Fisch und ein Glas Rotwein in die Hand gedrückt (was meine Gastmutter weniger angemessen fand, mein Gastvater aber für unbedingt nötig hielt). So konnte ich dann mit allen möglichen Onkels und Freunden anstoßen (wobei mir aber auffiel, dass außer mir fast nur Männer bei diesen Runden mitmachten...)

Abends saß ich dann noch unten mit meiner Gastfamilie zusammen und redete und gab ihnen das Geschenk aus Deutschland: Einen Adventskalender mit 24 kleinen Überraschungen, den sie jetzt im Januar, in der Zeit vor dem Frühlingsfest verwenden können.

Das war wirklich einen nette Idee, weil meine Gastschwester jetzt in letzter Zeit ständig mit irgendwelchen kleinen Süßigkeiten, Weihnachtsschmuck und Spielzeugen herumläuft, die ich als Adventskalenderfüllung wiedererkenne... :)

 

Dieses Weihnachten habe ich sozusagen mit drei Familien gefeiert, meiner Zu-Hause-, meiner Greenway- und meiner Gastfamilie! Und das war echt ein total schönes Gefühl, an so vielen Orten zu Hause zu sein!