zu 30.12.11 Aufregungen in den letzten Dezemberwochen

Von jetzt aus gesehen kommt mir das alles schon wieder sooooo weit weg vor - die Woche nach Weihnachten war aber wirklich eine ziemlich ereignisreiche. Und zwar in jedem Sinne, was für mich zwischendurch ziemlich viel Stress bedeutete.

Letztendlich glaube ich zwar, solche Chaostage, Erfolgserlebnisse und Hilfe-was-mach-ich-jetzt-Situationen gehören auch zu den Sachen, durch die ich hier am meisten erwachsen werde, aber naja... :)

 

Was ist jetzt eigentlich passiert?

Die Woche ging mit einem ziemlichen Schock los: Am Montagnachmittag war ich wie immer mit dem Fahrrad auf dem Weg nach Hause. Am Zebrastreifen vor der großen Kreuzung mit den Jackengeschäften überquerte gerade eine Familie die Straße, als ich vorbeifuhr: eine ältere Frau mit Baby im buntenTragetuch, ein junges Mädchen, vielleicht 22 oder 23, und ein kleiner Junge. So weit nichts Ungewöhnliches. Als ich aber nur noch wenige Meter vom Zebrastreifen entfernt war, rannte der kleine Junge plötzlich los. Ich fuhr relativ schnell und war mit meinen Gedanken auch ziemlich woanders, so dass ich alles eine Sekunde zu spät realisierte und nur noch Schreien und wie blöd versuchen konnte, irgendwie mein Fahrrad zu bremsen, bevor wir mit voller Wucht zusammenknallten. Das war echt ein riesiger Schock. Mein Fahrrad lag dann auf der Straße und ich merkte schnell, dass mir nichts Schlimmes passiert war, aber es tat mir unglaublich leid und ich entschuldigte mich bestimmt zwanzigmal. Die Frau war natürlich total besorgt um den kleinen Jungen und auch ziemlich aufgebracht.  Der Junge selber weinte nicht und sagte auch nichts, sondern saß nur auf dem Bürgersteig und zupfte an seiner Hose herum, während, das Mädchen ihn immer wieder fragte, wie es ihm ginge.

Ich war wie gesagt völlig geschockt und auch ein bisschen ratlos, was ich tun sollte und setzte mich neben ihn auf den Bürgersteig, während die Frau mir weiter Vorwürfe machte. Dann fing sie auf einmal an, mich immer wieder versichern zu lassen, dass alles meine Schuld war, weil ich zu schnell gefahren wäre und nicht aufgepasst hätte, und ich sagte nur immer wieder, wie Leid mir alles täte und bemühte mich, die Schockwellen in meinem Bauch zu beruhigen un d meine Beine irgendwie vom Zittern abzuhalten. Mittlerweile hatten sich bestimmt zwanzig Leute um uns herum versammelt, die alle aüßerst neugierig waren, was es mit der jungen Ausländerin in Schuluniform, die sich immer wieder in stockendem Chinesisch entschuldigte, auf sich hatte. Es wurden immer mehr, und alle begannen Ratschläge zu geben, wie man jetzt weiter vorgehen sollte. Ins Krankenhaus fahren, oder die Polizei rufen... Es wurde wild diskutiert. Einige waren der Meinung, die Ausländer hätten alle so viel Geld, die Frau sollte also vor allem Schmerzensgeld von mir verlangen. 

 

Dann ging es also gleich um die Summe. 20 000 Yuan? Das wäre doch für mich sicher kein Problem. Dass die Frau aufgebracht war und irgendeine Entschädigung wollte, konnte ich ja verstehen, aber all diese Leute, die überhaupt nichts mit der Familie zu tun hatten, die den Unfall noch nicht mal gesehen hatten, und jetzt aber trotzdem grinsend dabeistanden und die Diskussion genossen, machten mich auch echt wütend. Ich war wirklich ziemlich fertig. Jetzt wollte man also Geld von mir und dachte (das zeigte, wie sehr wirklich an die Theorie von den reichen Ausländern geglaubt wurde), ich hätte die umgerechnet 2000 Euro sicher bei mir, oder sonst könne man ja zusammen zur Bank gehen und sie abheben.. Langsam war ich am Verzweifeln, auch weil die Leute immer mehr wurden, und alle wissen wollten, was passiert wäre, während ich mit meinem Chinesisch echt nicht mehr auskam. Mittlerweile war auch die Polizei angekommen, drei junge Männer in Uniformen, die sich die blauen Flecken am Schienbein des kleinen Jungen ansahen, ihn fragten, wie es ihm ginge und dann etwas ratlos sagten, sie wüssten auch nicht, was man machen solle.

Ich sollte natürlich irgendjemand anrufen, aber ich wusste nicht wen, und konnte auch nicht mehr klar denken. Ich wollte irgendwie meine Gasteltern nicht mit da reinziehen, einfach aus dem Gefühl heraus, dass sie mich erst wenige Monate kennen und schon so viel für mich gemacht haben und sich so um mich kümmern, dass ich einfach nicht wollte, dass sie so viel Ärger wegen mir haben. Das war natürlich dumm. Am Ende rief ich sie doch an, mittlerweile vollkommen durcheinander. Leider verstand meine Gastmutter überhaupt nicht, was los war, sie fragte immer wieder, wieso ich noch nicht zum Essen zu Hause wäre und ob ich bei Freunden essen wollte oder so. Zum Glück halfen mir zum Schluss zwei Mädchen in meinem Alter und erklärten die Situation.

 

Fünf Minuten später rief Lilly mich an und kurz darauf Isabella. Das half mir natürlich überhaupt nicht, aber zeigt, wie schnell das ganze Schüleraustausch-Kommunikationsnetz im Ernstfall ausgelöst werden kann. Ich hätte mich echt nicht gewundert, wenn auch noch die deutschen Ansprechpartner angerufen hätten.

 

Dann endlich kam mein Gastvater an. Ich weiß auch nicht wieso, aber das war der Moment, in dem ich zu heulen anfing, aus Erleichterung oder keine Ahnung was. Irgendwie konnte ich echt nichts dagegen machen. Ich bekam also ein Taschentuch und die Anweisung, mir nicht so viele Gedanken zu machen. Mein Gastvater war total entspannt, redete die ganze Zeit mit der Frau und ein paar Umstehenden, die er anscheinend kannte und machte irgendwelche Scherze. Die Passanten beschlossen anscheinend, dass die Show jetzt vorbei wäre, und verliefen sich erstaunlich schnell. Die jüngeren natürlcih nicht, ohne nach meiner Handynummer zu fragen. Erster ausländischer Freund und so. Das Ganze kam mir irgendwie total irreal vor.

 

Dann fuhren wir alle zusammen zum Krankenhaus. In der Notaufnahme warf die junge Krankenschwester einen Blick auf das Bein des Jungen, und meinte, das sei nichts Ernstes, trotzdem wurde aber noch ein Röntgenbild gemacht, um sicherzustellen, dass auch wirklich alles okay war. Ich versuchte immer noch, endlich mit dem Weinen aufzuhören. Ich war echt wütend auf mich, wieso musste ich ausgerechnet jetzt auf einmal so losheulen?

Die Frau fing auf einmal auch an, sich zu entschuldigen, und erzählte, der Junge sei gar nicht ihr Sohn sondern ihr Enkel, und sie hätte sich so erschreckt und sie habe doch die Veranwortung und auch noch das Baby und ob ich auch Geschwister hätte. Es stellte sich heraus, dass sie auch kaum lesen konnte – das war dann sehr seltsam für mich, dass ich ihr mit den chinesischen Krankenhausschildern helfen konnte.

 

Mittlerweile war es dunkel geworden. Mein Gastvater fuhr die Familie nach Hause und gab ihnen Geld (ich weiß immer noch nicht wieviel) als Entschädigung für all das Durcheinander. Die Frau beteuerte die ganze Zeit, das könne sie nicht annehmen und wie Leid es ihr alles täte, aber am Ende nahm sie es natürlich doch.

 

Dann fuhren wir nach Hause. Seltsamerweiseweise war niemand böse auf mich, sondern alle meinten nur, ich sähe so fertig aus und müsste vor allem erst mal Abendbrot essen und brachten mir jede Menge Reis und Gemüse und Cola und verschiedene Früchte. Als ich trotzdem keinen Bissen herunterkriegte, lachten sie alle und fanden das noch bemitleidenswerter. Und dann wurde nicht mehr darüber geredet.

 

Und so ging es weiter. Sowohl Lilly als auch Isabella, mit denen ich am nächsten Morgen in der Schule sprechen sollte, meinten, alles wäre doch gut ausgegangen und ich sollte es als Erfahrung nehmen und aufhören, mir Vorwürfe und Sorgen zu machen.

Isabella hatte am Ende der Woche ein langes Gespräch mit meinen Gasteltern (in dem sie sich aber vor allem über den Homestay allgemein und ich glaube auch über Kulturunterschiede, wie zum Beispiel Bar – wie gesagt, ein chinesisches Mädchen, das eine Bar betritt, findet laut Theorie keinen Ehemann – redeten). Und schaffte es aber, obwohl es mir so echt nicht lieb war, nicht, meine Gasteltern zu überzeugen, dass ich ihnen irgendwie das Krankenhaus- und Schmerzensgeld wiedergeben konnte. Es hieß nur immer wieder “小事小事!”(Kleine Sache) und dann wurde resolut das Thema gewechselt.

 

Ja, das war also meine chinesische Unfallgeschichte. Und nur noch mal zur Beruhigung aller: Der chinesiche Verkehr ist wirklich nicht viel gefährlicher als der deutsche. Ungeregelter, ja, aber die Leute passen auch mehr auf. Und ich fahre auch nicht unvorsichtig. Also bitte macht euch keine Sorgen.

 

Die zweite Aufregung in dieser Woche war der Neujahrskulturabend der Schule. Der war um Einiges vorgezogen, da während des Frühlingsfestes ja allgemeine Ferien sind, aber ein total wichtiges Event. Jede der fünfzig Klassen schickte einige Vertreter, die dann sangen oder tanzten, Gedichte vortrugen oder irgendwelche Sketche aufführten. Dazu gab es eine riesige Jury, die Punkte vergab, und dann die Gewinner ermittelte. Wenn wir so etwas in Kaltenkirchen organisiert hätten, würden die meisten Klassen wahrscheinlich versuchen, mit möglichst wenig Aufwand davonzukommen und das Ganze für ein bisschen lächerlich halten, hier wurde es aber total ernst genommen und alle waren richtig aufgeregt und redeten über nichts anderes.

 

Und ja. Furchtbarer und unerwarteter Weise fand ich mich plötzlich mit einem Geigenvorspiel als Repräsentantin meiner Klasse wieder. Hilfe! Das alles ergab sich dadurch, dass unsere Klassenkameraden mich seit den Sommerferien bestimmt zweihundert Mal gefragt hatten, ob ich nicht mal was auf der Geige vorspielen könnte, und ich dann irgendwann beschloss, das müsse jetzt wohl mal sein. Alle freuten sich total, dass ich endlich zustimmte - aber ich dachte mir nichts dabei. Ich war wirklich völlig ahnungslos, bis mich die Erhu-Mädels am nächsten Montagabend, als ich wie immer zum Üben in den Spiegelsaal kam, mit begeistertem Geschrei begrüßten: „ 你要表演!你要表演!(Du willst aufführen!)“. Es stellte sich dann heraus, dass am Morgen die Programme für den Kulturabend herausgekommen waren, und wer war der erste Punkt nach der Begrüßungsrede? Die 卫如雅 aus 高一,一班. Weil das nun schon schulbekannt war, konnte ich ja schlecht Nein sagen.

 

Am letzten Mittwoch vor den Ferien spielte ich dann also mein altes Accolay-Konzert vor. Ich war natürlich total aufgeregt und ein bisschen nervös, weil die ganze Klasse sich so freute und mir alles organisieren half, und ich noch nie so offiziell vorgespielt hatte, mit Schminken und Blumen in die Haare und alles und außerdem auch noch nie vor so vielen Leuten. Auch wenn in den Schulsaal lange nicht alle Schüler der Schule reinpassen (Gesamtversammlungen werden draußen auf dem Sportplatz gemacht) waren es immer noch gut 800. Dazu kam noch, dass ich beim Geige vorspielen ja leider immer aufgeregt bin, UND dieses Mal auch noch vorher kurz was auf Chinesisch sagen sollte, was ich (natürlcih) auch noch nie gemacht hatte.

Ich war also echt aufgeregt – aber es wurde echt das beste Vorspiel, was ich je hatte. Ich spielte glaube ich jetzt absolut nicht herrausragend und auch ein bisschen langsamer als optimal gewesen wäre, aber ich kam ohne Probleme durch, sprach das erste Mal vor so vielen Leuten ein paar Sätze Chinesisch (und sie VERStANDEN mich!) und bekam danach von all den lieben Menschen hier gesagt, wie toll es gewesen wäre. Ich war echt soo erleichtert. Zusätzlich bekam unsere Klasse dann auch noch den dritten Preis (insgesamt! :=)..), was aber wohl weniger an meinen Geigenkünsten lag, als an der Tatsache, dass alle sich so über die Chinesisch sprechende und aufführende Ausländerin freuten.

Meine 妹妹 spielte auch vor (sie ist zwar nicht auf der Schule, aber spielt ab und zu mit den Erhu-Mädels aus der Musikklasse zusammen). Ihre Aufführung war echt noch mal viel besser als meine, die Gruppe bekam den ersten Preis, und es war echt süß zu sehen, wie stolz mein Gasteltern waren.

 

Für Johanna und mich fingen dann wenig später auch schon die Ferien an, da die letzten anderthalb Wochen wieder Prüfungswochen waren, und wir natürlich wieder nicht kommen mussten. Was auch echt schön war, war zu sehen, wie gut es alle fanden, als ich mich „verabschiedete“ und allen Glück für die Prüfungen wünschte, zu hören, dass wir im nächsten Semester noch wiederkommen würden. Haha, es sind nicht nur wir, die unsere Klassenkameraden und Dormitorymädels so mögen, wir werden auch zurückgemocht! :)

 

Eine Aufregung, die zwar nicht mehr in den letzten Dezemberwochen lag, aber supersupersuperschön ist: Ich habe in der ersten Januarwoche noch eine kleine chinesische Cousine bekommen! TanMuyaos kleine Schwester Tan Yangyang. Sie ist noch unglaublich klein, aber SO süß! Wenn ich sie nur halten darf, bin ich immer schon total stolz! Ich habe echt SO ein Glück, dass ich diese Familie hier hab! Und nach diesem Unfallding bin ich auch noch sicherer, dass sie mich aus irgendeinem Grund ganz einfach adoptiert haben und jetzt tatsächlich IMMER nur wollen, dass es mir gut geht – auch wenn ich immer noch nicht ganz verstehe, warum. :)

 

Und, wie gesagt, letztendlich habe ich auch Glück, dass ich all diesen Aufregungskram hier erleben darf. Auch wenn sich das zwischendurch mal nicht so anfühlt - im Endeffekt kann ich wirklich dran wachsen. :)